2012_06_01

Bild: Frauke Witzler / Haus kirchlicher Dienste

Kinder aus Tschernobyl

Tagesthema 01. Juni 2012
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Gelandet - ausgestiegen - begrüßt. Bild: Frauke Witzler / Haus kirchlicher Dienste

Kurz nach Pfingsten: Freudige Erwartung und Spannung vor dem Ungewissen am Flughafen Hannover-Langenhagen. Auf der einen Seite die weißrussischen Gastkinder in gespannter Aufmerksamkeit, die sich hier von den Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erholen sollen, auf der anderen Seite die deutschen Gasteltern, die sich auf „Ihren Sascha“ oder „Ihre Nastja“ freuen.

Am 30. Mai kamen in diesem Jahr die ersten Kinder aus den verstrahlten Gebieten im Südosten Weißrusslands nach Niedersachsen. Sie sind für vier Wochen in Familien in unseren Kirchengemeinden zu Gast.

Warum ist das überhaupt noch nötig?

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Gespannte Gesichter. Bild: Frauke Witzler / Haus kirchlicher Dienste

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl liegt 26 Jahre zurück. Doch noch immer erkranken Menschen an den Folgen dieses Unglücks. „Krebsrate in Tschernobyl-Region ist noch hoch“, titelte die Hannoversche Allgemeine Zeitung am 10. April 2012 und führte weiter aus: „Auch 26 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl leiden die Menschen in der betroffenen Region unter den gesundheitlichen Folgen des Atomunfalls. Die Rate von Leukämie, Missbildungen und Frühgeburten sei unvermindert hoch, erklärte die niedersächsische Stiftung „Kinder von Tschernobyl“ (…).“

Warum tun wir das?

Die landeskirchliche Tschernobyl-Aktion lebt von dem beeindruckenden und bedeutenden Engagement zahlreicher Ehrenamtlicher auf allen Ebenen. Dies ist ein eindrucksvolles Zeugnis von Christen, ein Zeichen praktizierter Nächstenliebe und Versöhnung.

Zwischenbilanz

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Wieder festen Boden unter den Füßen. Bild: Frauke Witzler / Haus kirchlicher Dienste

In den Jahren 1991 bis 2012 sind über 25.000 weißrussische Kinder und Betreuer im Rahmen unserer Hilfsaktion zur Erholung nach Niedersachsen gekommen.

Zwischen den Menschen unserer Landeskirche und den Partnern in Belarus haben sich vielfältige und enge Beziehungen entwickelt. Ein dichtes Netz zwischen Familien in Deutschland und Familien in Belarus ist geflochten worden, aus dem sich immer wieder neue Ideen und Aktivitäten deutsch-belarussischer Unterstützung und Zusammenarbeit entwickeln.

Aber auch in Deutschland hat diese Hilfsaktion Menschen zusammengeführt, die einander sonst nicht gekannt hätten. Hier arbeiten Menschen mit, die aus unterschiedlichsten Motiven helfen wollen: Christen aus verschiedenen Kirchen, Menschen, die der Kirche schon den Rücken zugekehrt hatten, Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder. Sie alle haben gemeinsam, dass sie den Opfern dieser Katastrophe nach Kräften helfen wollen.

Dies alles zeigt, dass selbst aus einer Katastrophe etwas Gutes wachsen kann.

Veränderungen und neue Herausforderungen

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Ohne Worte. Bild: Frauke Witzler / Haus kirchlicher Dienste

Die Hilfstätigkeit ist mit den Jahren schwieriger geworden. Die Erinnerung an das Reaktorunglück verblasst und auch die Euphorie der politischen Wende und der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ ist lange verflogen.

Zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kommen andere Kinder aus Weißrussland nach Deutschland. Sie sind selbstbewusster, informierter und haben eine andere Erwartungshaltung als in den ersten Jahren.
Auch auf deutscher Seite haben sich die Dinge verändert. Außer der Problematik des Verblassens der Erinnerung stehen wir vor einem Umbruch bei der Generation der Gasteltern. Waren früher Gasteltern meist Menschen um die fünfzig, deren eigene Kinder das Haus verlassen hatten und deren finanzielle Situation meist zufriedenstellend war, haben wir es heute mit jungen Familien zu tun, bei denen beide Elternteile arbeiten (müssen) und die schon ihren eigenen Familienalltag nur mühsam organisieren können. Da sind zwei Gastkinder für vier Wochen oft zuviel.
Die Kirchenkreise reagieren mit verkürzten Aufenthaltszeiten (z.B. durch vorgeschaltete Gemeinschaftsunterbringung) oder Teilung der vier Wochen in jeweils zwei Wochen pro Familie.

Insgesamt gibt es immer noch eine deutliche Bereitschaft der Kirchenkreise und Kirchengemeinden, sich an der Ferienaktion auch weiterhin zu beteiligen, und innerhalb der Landeskirche gibt es den erklärten Willen, die Aktion solange fortzusetzen, wie sie mit Blick auf die Menschen in Weißrussland notwendig ist und innerhalb der Kirchenkreise die Bereitschaft besteht, weiterhin Kinder aufzunehmen.

Hilfe tut weiter Not

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Gespanntes Erwarten. Bild: Frauke Witzler / Haus kirchlicher Dienste

Vieles hat sich verändert, aber eins ist gleich geblieben: Die gesundheitliche Notwendigkeit der Erholungsaufenthalte. Das Minsker Institut Belrad hat festgestellt, dass durch die Kindererholung im Ausland eine Verminderung der Radioaktivität im Körper der Kinder von mindestens 26% bis maximal 56% erreicht werden konnte (2009). Kinder, die in verstrahlten Regionen leben, haben in ihrem Körper ziemlich hohe Mengen des radioaktiven Cäsiums, das sie vor allem über die (lokale) Nahrung aufnehmen. Seit 2004 gibt es keine grundsätzliche Veränderung der Messwerte von Cäsium 137 im Körper der betroffenen Kinder.

Bei unseren Besuchen vor Ort erfahren wir immer wieder, wie wichtig und notwendig unsere Hilfe auch weiterhin ist. Die Menschen in den verstrahlten Regionen Weißrusslands werden noch in Jahrzehnten Opfer dieser Katastrophe sein..

Die weißrussischen Kinder, die zur Erholung nach Deutschland kommen, sind Botschafter von Tschernobyl. Ihre Anwesenheit in einer Gastfamilie lässt die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl unmittelbar vor den Augen aller Familien, Freunde und Kollegen wieder erstehen. Ohne dass sie es wollen werden die Eingeladenen zu Botschaftern derer, die zurückbleiben mussten. Die Gastkinder von Tschernobyl hinterlassen Eindrücke und Spuren, die bewirken, dass das Geschehen bei uns nicht in Vergessenheit gerät. Sie halten die Erinnerung an das Reaktorunglück und seine Folgen wach, sie führen uns direkt vor Augen, warum wir uns engagieren und sie schlagen menschliche Brücken zwischen den Menschen in Weißrussland und uns. Insofern gehen die positiven Effekte der Kindererholung in Deutschland weit über das eigentliche Ziel der Gesundung der Kinder hinaus.

Lars-Torsten Nolte (Haus kirchlicher Dienste - Abrbeitsgemeinschaft für Tschernobyl-Kinder)

Direkt zur Arbeitsgemeinschaft „Für Tschernobyl-Kinder“
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Die ersten 116 strahlengeschädigten Kinder aus Weißrussland, die an der Tschernobyl-Ferienaktion der hannoverschen Landeskirche teilnehmen, sind am Mittwoch auf dem Flughafen in Hannover-Langenhagen gelandet. Zum 22. Mal ermöglichen die evangelischen Kirchenkreise zwischen Hann. Münden und Cuxhaven insgesamt 700 betroffenen Kindern für jeweils vier Wochen Erholung.

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"Wir sind da!" Bild: Frauke Witzler / Haus kirchlicher Dienste

Mit dem ersten Flug kamen auch vier Mütter mit Kleinkindern und zehn Dolmetscherinnen an. Sie reisten per Bus in die Kirchenkreise Grafschaft Diepholz, Hittfeld, Melle und Neustadt-Wunstorf weiter. Der Direktor des Hauses kirchlicher Dienste, Ralf Tyra, begrüßte die Kinder und sagte, es sei der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers ein Herzensanliegen, sie zu Gast zu haben.

Auch 26 Jahre nach der Atomkatastrophe in der Nordukraine seien die Folgen gravierend, teilte die Evangelisch-lutherische Landeskirche mit. Viele Menschen in der Region um den Unglücksreaktor litten an Schilddrüsenkrebs, Leukämie, Brustkrebs, Jugend-Diabetes, Erkrankungen des Herzens und des Magen-Darm-Traktes sowie Immunschwächen. Die Kinder hätten ziemlich hohe Mengen des radioaktiven Stoffes Cäsium 137 in ihren Körpern, das sie vor allem über die Nahrung aufnähmen.

Den Kinderabteilungen der zentralen Krankenhäuser im weißrussischen Gomel will die Kirche rund drei Tonnen an Medikamenten und medizinischen Hilfsgütern im Wert von etwa 80.000 Euro zur Verfügung stellen. Sie wurden durch Spenden finanziert. Die Ferienaktion läuft bis zum 23. August.
 

epd

Helfen Sie mit

  • Schenken Sie Kindern Erholung
  • Übernehmen Sie Patenschaften für krebskranke Kinder
  • Spenden Sie für die medizinische Hilfe
  • Arbeiten Sie in Ihren Kirchenkreisen und Gemeinden mit bei der Durchführung des Aufenthaltsprogramms für die Kinder

Spendenkonto medizinische Hilfe  - Haus kirchlicher Dienste (Kontoinhaber), Kontonummer 69 55 - EKK Hannover Bankleitzahl 520 604 10, Stichwort „Medizinische Hilfe Gomel“

Erinnerung an Tschernobyl

Erinnerung an Tschernobyl

Für Hit-Radio Antenne Niedersachsen hat der Evangelische Kirchenfunk Niedersachsen (ekn) zum 25jährigen Jahrestag des Reaktorunfalls 2011 einen Film produziert, der an die Katastrophe in Tschernobyl erinnert und die enge Beziehung zur Situation in Niedersachsen erläutert. Prominente wie Renke Brahms, Margot Käßmann, Nikolaus Schneider und Katrin Göring-Eckardt erinnern sich sher persönlich an die Katastrophe von Tschernobyl.