2012_05_24

Bild : Evangelische Zeitung

Psalmen erleben

Tagesthema 24. Mai 2012

Psalmen für jeden erlebbar

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Edda-Charlotte Frahn-Müller, Detlev Müller, Andreas Bartoll, Katharina Schmidt, Klaus Kocot und Heidi Kocot (von links) luden mit ungewöhnlichen Klängen in der Universitätskirche St. Nikolai zum Meditieren über den Psalm 139 ein. Bild: Hans-Jörg Niesen/ Evangelische Zeitung

Die Reihe „Göttinger Psalter“ lockt Menschen in viele Veranstaltungen über die 150 Psalmen

Was haben die Blasinstrumente der australischen Ureinwohner, die Didgeridoos, mit den 150 Psalmen der Bibel zu tun? Eigentlich gar nichts - möchte man denken. Und doch können Detlev Müller und Klaus Kocot von der Gruppe Balanda aus Celle und Burgdorf bei Hannover den wie dicke, krumme Äste wirkenden Instrumenten wunderbare Klänge entlocken. Sie ließen bei ihrem Konzert im Rahmen des „Göttinger Psalters“, einer Veranstaltungsreihe aller Göttinger Kirchen zu den 150 Psalmen in der Universitätskirche St. Nikolai, nicht nur von den Weiten des fünften Kontinents träumen, sondern luden auch wunderbar zum Meditieren über den Psalm 139 „Mit den Flügeln der Morgenröte“ ein.

Leider lockte das Konzert an diesem warmen Frühlingsabend nur wenige Besucher in die Nikolaikirche, die mit weit geöffneten Türen zur Einkehr einlud. Doch andere Veranstaltungen durften sich über weit mehr Resonanz freuen. Ein Höhepunkt des am 1. Dezember vergangenen Jahres gestarteten „Göttinger Psalters“ mit über 300 verschiedenen Angeboten war die Psalmenwallfahrt. Mit Wallfahrtspsalter-Heft, Pilgerpass in der Hand und mit langem Pilgerstab vorweg zogen über 100 Pilger zu den sechs evangelischen Innenstadt-Kirchen Göttingens.

Corinna Morys-Wortmann hatte die Idee zum „Göttinger Psalter“ entwickelt, als sie den Jahresbericht 2009 des Cusanuswerks las. Dort hatte ein Stipendiat über seine Erfahrungen mit den Psalmen beim „Kloster auf Zeit“ geschrieben: „Ich war noch nie sonderlich mit ihnen in Berührung gekommen, und unsere Gruppe war oft befremdet von den vielen archaischen Formulierungen …“. Aus diesem Anstoß entspann sich Anfang 2010 die Idee, alle 150 Psalmen in die breite Öffentlichkeit zu bringen – und zwar stadtweit und ein ganzes Jahr lang. Nach der großartigen Resonanz schon in der Ideenphase entwickelte sich das ganze Projekt dann sehr schnell.

„Kein menschliches Gefühl, keine existenzielle Situation wird in den Psalmen ausgeblendet; Negatives, wie Rachewünsche, Mobbingerfahrung oder Scham finden sich ebenso wie Staunen, Stolz und weltumarmende Freude“, schreibt Friedrich Selter, Superintendent des Ev.-luth. Kirchenkreises Göttingen und Vorsitzender der Göttinger Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) über die „Kraft der Psalmen“ und fährt fort: „Die Psalmen sind das Gebetbuch der Bibel. Unseren Stimmungen geben sie Stimme und reichen dabei sprichwörtlich von „himmelhoch jauchzend“ bis „zu Tode betrübt“, von „Ich will den Herrn loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein“ (Ps 34,2) bis „Höre die Stimme meines Flehens, wenn ich zu dir schreie, wenn ich meine Hände aufhebe zu deinem heiligen Tempel. (Ps 28,2).“

Wie sehr der Göttinger Psalter ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist, zeigt beispielsweise, dass Landesbischof Ralf Meister die Predigt im Festgottesdienst zum 275. Jubiläum der Georg-August-Universität am Sonntag, 3. Juni, um 11.30 Uhr in der Nikolaikirche zum Psalm 19 halten wird. „Der Göttinger Psalter hat sich zu einem Selbstläufer entwickelt“, freut sich Organisator Jens Wortmann. „Es gibt immer wieder Veranstaltungen, von denen wir erst im Nachhinein erfahren.“

Unterdessen ist auch der Komponistenwettbewerb zum Psalter entschieden, den die Göttinger Stadtkantorei ausgeschrieben hatte. Der Preis geht an Torsten Laux aus Düsseldorf und Martin Torp aus Berlin. Die Uraufführung erfolgt im Rahmen des Abschlusskonzertes zum „Göttinger Psalter“ am 25. November 2012. Insgesamt 20 Partituren waren eingereicht worden. Torsten Laux ist mehrfach mit Preisen ausgezeichneter Professor für Orgelspiel an der Hochschule für Musik in Düsseldorf. Martin Torp ist freischaffender, ebenfalls nicht zum ersten Mal prämierter Komponist und lebt in Berlin.

Von Hans-Peter Niesen (Evangelische Zeitung)

Der vielleicht bekannteste Psalm - Psalm 23

1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.