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Bild: Wiebke Dockhorn

15. April 2012

Tagesthema

Gottesklang am Sonntag: Musik

Musik als Gottesgabe und Menschenkunst

arnold
Jochen Arnold

Musik ist eine Gabe des Schöpfers, die uns bewegt, und eine Kunst des Menschen, die wir gestalten. Als eine den ganzen Menschen anregende Lebensäußerung erfüllt sie uns mit Freude und verherrlicht den Schöpfer.

Musik tut uns gut, sie vermittelt sogar eine „Ahnung“ von Gott: In Tönen und Rhythmen, Melodien und Harmonien gibt sie Zeugnis von der Phantasie des Schöpfers und macht seine Weisheit sinnlich erfahrbar. Für viele Kulturen und Religionen sind daher Jubel und Klage, Gebet und Kult ohne Musik nicht denkbar. Die Reformatoren haben sich die Musica sogar als eine Person vorgestellt, die die Menschen an die Hand nimmt und in die Natur führt, um dort die Schönheit der Schöpfung zu entdecken und zum Lob Gottes zu inspirieren (vgl. Evangelisches Gesangbuch 319).

Säule statt Notenständer. Bild: Jens Schulze

Doch ist die Musik nicht nur ein Klanggeschenk Gottes, sondern auch eine Kunst, um die Menschen sich engagiert bemühen müssen. Seit vielen Jahrhunderten ist sie daher im Abendland unter den sieben Künsten bzw. an einschlägigen Hochschulen etabliert.

Schon auf den ersten Seiten der Bibel, wo es um die Entstehung menschlicher Kultur geht, wird ein Musiker erwähnt, von dem es heißt: „Von Jubal sind hergekommen alle Zither- und Flötenspieler.“ (1. Mose 4,21) Ihm zur Seite steht Miriam. Sie schlägt eine Art Handpauke, singt und tanzt dazu, nachdem Gott das Volk Israel vor dem Ertrinken im Roten Meer und der Hand der Feinde errettet hat. Ihr Lied markiert die Geburtsstunde des Singens in der Bibel: „Lasset uns singen dem Herrn, denn er hat eine herrliche Tat getan.“ Gesang, Rhythmus und Tanz gehören nicht nur zum Alltag der Menschen der Bibel, auch besondere geschichtliche Erfahrungen mit Gott werden musikalisch beantwortet.

Diese Dimension darf im alttestamentlichen Gottesdienst nicht fehlen. Davon geben besonders die meist instrumental begleiteten Psalmen ein beredtes Zeugnis. Sie reichen vom Aufschrei der Klage bis hin zu ekstatischem Jubel, sie feiern Gottes Namen in der Mitte der Gemeinde und erzählen, was Gott für sein Volk und in der ganzen Welt tut. David steht dafür als musizierender Poet auf dem Königsthron. Das Vertrauen auf den bewahrenden Schöpfer kommt ebenso zum Klingen wie der Dank an den Retter und Erlöser. Das Ziel des ganzen Psalters ist der Lobpreis Gottes, was an der hebräischen Überschrift Tehillim (= Lobgesänge) abzulesen ist. Mit dem Psalter gehen Christen beim jüdischen Volk nicht nur in die Schule des Betens, sondern auch der gesungenen Verehrung Gottes.

Musik als klingendes Wort Christi

Aufgeschlagene Partitur
Bild: Jens Schulze

Auch im Neuen Testament spielt die Musik eine Rolle. Kirchenmusik hat elementaren Anteil an Verkündigung, Klage und Lobpreis im christlichen Gottesdienst. Wort und Musik, „Singen und Sagen“, gehören im Blick auf das dialogische Wechselspiel in der Liturgie wesentlich zusammen. In Kolosser 3,16 finden sich gleichsam die „Einsetzungsworte der Kirchenmusik“: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“

Als klingendes Wort Christi erzählt Kirchenmusik von Christus, ja mehr noch: Christus selbst ist es, der sich musikalisch der Gemeinde mitteilt. Dies ist die verkündigende Dimension der Musik, die für das evangelische Musikverständnis prägend geworden ist. Im Gottesdienst geschieht aber noch mehr. Viele Lieder sind gesungene Gebete, die im dankbaren Herzen ihren Ursprung haben. Damit wird das Augustin zugeschriebene Zitat lebendig: „Wer singt, betet doppelt.“ Verkündigung und Gebet können sich also in musikalischen Formen ereignen, von denen hier Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder (Oden) genannt sind.

Die Psalmen sind die am häufigsten vertonte Gedicht- und Gebetssammlung der Musikgeschichte und bilden ein Herzstück des christlichen Gottesdienstes bis heute. Zahlreiche Psalmlieder und Liedpsalmen bringen Klage und Lob vor Gott (vgl. Evangelisches Gesangbuch 270–306). Der Begriff Hymnen könnte Christuslieder bezeichnen, wie wir sie an vielen prominenten Stellen im Neuen Testament finden (vgl. Johannes 1,1–18, Philipper 2,6–11 u. a.). Diese Tradition setzt sich in den Gesängen der Alten Kirche und des Mittelalters fort und lebt in Chorälen, Kantaten und Motetten weiter bis heute. Mit den „vom Geist gewirkten Liedern“ sind vermutlich spontan gedichtete Gesänge gemeint, die in immer aktueller Weise das Evangelium musikalisch auslegen und aneignen. Von daher ergibt sich die Aufgabe, dass Kirchenmusik ständig erneuert wird und innovativen Formen von Musik (Popmusik, Avantgarde) aufgeschlossen gegenübersteht.

Grundsätzlich können wir im heutigen Gottesdienst instrumentale und vokale Musik unterscheiden. Instrumentalmusik, z. B. gespielt durch die Orgel, erklingt zum Eingang und Ausgang, leitet Gemeindegesänge ein und begleitet sie. Sie kann das gesprochene Wort kommentieren und meditieren, aber auch unterlegen. Zur Vokalmusik gehören liturgische Wechselgesänge wie Psalmen, Kyrie, Halleluja usw. und Gemeindelieder, z. B. Eingangslied, Wochenlied, Predigtlied, Schlusslied, aber auch Gesänge des Chors in mehrstimmigen Motetten oder Kantaten, Kanons oder Gospels. Zugleich gehört die Musik zu den zentralen Elementen evangelischer Spiritualität, die ja nicht nur auf den Gottesdienst beschränkt ist. Musik geschieht nicht nur zur Ehre Gottes (Soli Deo Gloria), sondern auch „zur Recreation des Gemüths“ (J. S. Bach). Musikalische Formen, z. B. kleine Singsprüche und Kanons, können den Gottesdienst am Sonntag und im Alltag gut miteinander verbinden.

Orgelansicht Marienhafe
Orgel Marienhafe (Ostfriesland). Bild: Ulrich Ahrensmeier

Kirchenmusik hat Anteil an allen Wirkungen des Heiligen Geistes. Sie erleuchtet Menschen und ermutigt zum Glauben, vermittelt Gemeinschaftserfahrungen und weckt den Lebensmut, vermittelt Bildung und stärkt unsere Widerstandskraft gegen das Unrecht. Gottes Geist lässt beim Singen und Musizieren Menschen zueinander finden, die oft wenig miteinander zu tun haben. Über Milieu-, Frömmigkeits- und Generationengrenzen hinweg stiftet Kirchenmusik Gemeinschaft. Von daher ist Kirchenmusik ein zentrales Element für Gemeindeaufbau und Gemeindeentwicklung.

Musik hat nicht nur integrative, sondern auch therapeutische Kraft, sei es, dass sie durch Singen und Spielen aktive Beteiligung ermöglicht, sei es, dass sie durch rezeptives Hören tröstet und zur Ruhe kommen lässt. Kirchenmusik kann – oft mehr als die Worte der Verkündigung – Gefühle der Freude oder Erhebung auslösen, Angst und Schmerz ausdrücken, aber auch neue Hoffnung vermitteln.

Kirchenmusik nimmt eine wichtige kulturelle Aufgabe wahr und stellt ein zentrales Element des Bildungsauftrages der Kirche dar. Im ländlichen Bereich ist die Kirche mit ihrer Musik oft der Kulturträger schlechthin. In den Städten wird durch gottesdienstliche oder konzertante Aufführungen große Kirchenmusik einer breiten, oft säkularisierten Hörerschaft zu Ohren gebracht.

Jochen Arnold, Direktor des Zentrums für Gottesdienst und Kirchenmusik im Michaeliskloster Hildesheim
 

Gottesklang am Sonntag

„Immer wieder sonntags“, haben Cindy und Bert in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gesungen. Dieser deutsche Schlager beginnt mit den Zeilen: „Jeden Sonntag kamen sie herüber, unsre Musikanten aus Athen...“

Bei „landeskirche-hannovers.de“ sind es nicht die aus Athen, aber doch „immer wieder sonntags“ greift die Redaktion der landeskirchlichen Internetseite in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik in Hildesheim ein kirchenmusikalisches Thema auf: Jahr der Kirchenmusik - Gottesklang 2012.

Bild: to-fo / photocase.com 

„Sollt ich meinem Gott nicht singen?“

 Bild: Thomas K. / photocase.com

Bach war einer der ersten Jazzer

 Bild: Jens Schulze

Das LIed der Gemeinde

 Bild: designritter / photocase.com

Osterjubel - Osterlachen

ekd

Zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 stehen in diesem Jahr „Reformation und Musik“ im Zentrum der Lutherdekade. In ganz Deutschland erklingt im Themenjahr der musikalische Schatz der Reformation.

Internetseiten: „Reformation und Musik“ der EKD

Ein besonderes Projekt - Neuland

Die Kirchenmusik verlässt 2012 ihre gewohnten Räume und erkundet Neuland: Raus aus den Kirchenmauern, mitten hinein in den pulsierenden Alltag der Städte. Kinder-, Gospel- und Kirchenchöre, Bläserensembles und sogar ein Organist tauchen unvermittelt an Plätzen auf, wo man sie am wenigsten erwartet -- in der Fußgängerzone, am Spielplatz, im Freibad, auf dem Flughafen oder auf einer Inselfähre. Bläserskulpturen, experimentelle Glockenmusik und barocke Linien schaffen Freiräume für einen neuen Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft.