2012_03_19

Bild: *tigerente* / photocase.com 

Gottesdienst in der JVA

Tagesthema 18. März 2012

Gospel hinter Gittern für den Bischof

Hannoverscher Landesbischof Ralf Meister feiert Gottesdienst in der Justizvollzugsanstalt Sehnde

Die Männer haben Sexualstraftaten, oder gar einen Mord begangen. Lange Haftstrafen sind keine Seltenheit. Am Sonntag besuchte der evangelische Landesbischof Ralf Meister die Justizvollzugsanstalt Sehnde bei Hannover, um dort Gottesdienst zu feiern.

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Besuch in der JVA: Superintendent Ralf Charbonnier, Leiterin der JVA Sehnde Krimhild Timmermans-Eike, Landesbischof Ralf Meister, Gefängnisseelsorger Pastor Gerhard Dierks. BIld: Charlotte Morgenthal (Evangelische Zeitung)

Unter ihnen sind Mörder und Sexualstraftäter, aber an diesem Morgen sind die Männer in Turnschuhen, Jeans oder Trainingsanzügen vor allem Gottesdienstbesucher und Chorsänger. Zum ersten Mal besuchte Ralf Meister im Amt des hannoverschen Landesbischofs am Sonntag eine Justizvollzugsanstalt (JVA). Musikalisch unterstützt von einem Gospel-Chor feierte der evangelische Theologe einen Gottesdienst hinter sechs Meter hohen Gefängnismauern in Sehnde bei Hannover.

Am Tag, zu dem rund drei Millionen evangelische Christen in Niedersachsen zur Wahl neuer Kirchenvorstände aufgerufen sind, habe er bewusst die JVA in Sehnde als Ort für den Gottesdienst gewählt, sagt der 50-jährige Theologe. „Ich wollte zu den Menschen gehen, die nicht zur Wahl gehen können.“

In der Multifunktionshalle der JVA, wo sich rund 50 Häftlinge versammelt haben, erinnert sonst wenig an ein Gefängnis. Die Fenster sind mit einem Kirchenglasmuster überklebt, so dass die Gitter kaum zu erkennen sind. In der Mitte steht ein in der JVA geschreinerter Altar. „Dieser Raum strahlt eine Freiheit aus, wie ich es bisher in keinem Gefängnis gesehen habe“, sagt Meister.

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Der 260 Meter lange Flur trennt Verwaltung und Zellen. Bild: Charlotte Morgenthal (Evangelische Zeitung)

Als dann der Gospel-Chor bestehend aus zehn Häftlingen begleitet von einer Band aus Keyboard, Gitarre und Schlagzeug einsetzt, singen alle Gottesdienstteilnehmer mit. „In your name we are all the same – in deinem Namen sind wir alle gleich“, lautet der Liedtext. Der kommt an. Auch die Füße des Landesbischofs beginnen unter dem Talar im Takt der Musik zu wippen. Und dann huscht auch mal ein Lächeln über die sonst so ernsten Gesichter der Häftlinge.

Das Gospel-Projekt in der JVA ist Teil der Gefängnisseelsorge, die gemeinsam mit 54 Ehrenamtlichen die Häftlinge betreut. Gefängnisseelsorger Gerhard Dierks initiiert diese Projekte und sieht sich damit auch als seltene Brücke zur Außenwelt. Wie wichtig seine Aufgabe ist, wurde auch Bischof Meister deutlich. „Die Musik gestaltet den ganzen Gottesdienst und der wird zum Ereignis.“

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Kirchencafe hinter Gittern: Das Krippenmodell haben die Gefangenen selbst gebaut. Bild: Charlotte Morgenthal (Evangelische Zeitung)

Die Arbeit der Seelsorger stellt das Gospel-Projekt vor immer neue Aufgaben, erzählt Pastor Dierks. „Kürzlich wurde der Pianist aus der Haft entlassen.“ Ersatz zu finden, sei oft schwer, weil die Chor-Mitgliedschaft eine ernstzunehmende Verpflichtung sei. Wie sie diesen Herausforderungen begegnen, will Bischof Meister wissen. Ein Häftling antwortet schlagfertig: „Zur Not singen wir eben a capella.“

Seit drei Jahren singt Peter S. in dem Chor. Der 49-jährige Rollstuhlfahrer will nicht so recht sagen, warum er inhaftiert ist. „Da ist ein blödes Ding passiert.“ Der Gottesdienst und die Gospel-Musik machen ihm Spaß und lenken ab. „Gerade wenn man Familie hat, ist der Sonntag ohne Besuchszeiten der schwerste Tag.“

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Blick in den Innenhof der JVA Sehnde. Bild: Charlotte Morgenthal

Viele kämen wegen der Musik zu den Gottesdiensten, sagt Peter S.. „Der Gottesdienst ist die einzige Stunde in der ich die Gitter vor den Fenstern vergesse“, ergänzt ein anderer Sänger. Alle nutzen anschließend das Angebot und bleiben zum Kirchencafe, bevor es für den Rest des Tages wieder zurück geht in acht Quadratmeter große Zellen.

Für Bischof Meister sind diese persönlichen Begegnung seit seiner Jugend wichtig, sagt er. Die rund 70.000 Häftlinge in Deutschland gerieten oft nur in das öffentliche Bewusstsein, wenn beispielsweise eine neue JVA gebaut werde, sagt der Theologe, der an der Spitze der größten Landeskirche steht. „Es ist wichtig zu zeigen, dass sie ein Teil der Gesellschaft sind, mit der Schuld, die sie in sich tragen, in der Verzweiflung die sie bewegt.“

Von Charlotte Morgenthal (epd)

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Der Innenhof. Bild: Charlotte Morgenthal (Evangelische Zeitung)

Predigt von Landesbischof
Ralf Meister

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Besuch in der Justizvollzugsanstalt. Bild: Charlotte Morgenthal (Evangelische Zeitung)
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Bischof Meister zu seinem Besuch in der JVA: Ein Dienst der Barmherzigkeit.

Buch gibt Einblick in Alltag hinter Gefängnismauern

Einen Einblick in den Alltag der Seelsorge in Gefängnissen bietet ein im Herbst 2011 erschienenen Buch aus dem Lutherischen Verlagshaus Hannover. Für Normalbürger sei das Leben hinter den Mauern und Gittern eine fremde und abgeschlossene Welt, sagte Gefängnispastor Ulrich Tietze bei der Buchpräsentation in der Justizvollzugsanstalt Hannover: „Es herrschen falsche Bilder im Kopf vor.“ Tietze ist Herausgeber des Buches „Nur die Bösen?“

Nur ein sehr geringer Teil der Gefangenen sitze wegen Mord oder Vergewaltigung in Haft, berichtete der evangelische Pastor. Die meisten seien wegen Eigentumsdelikten verurteilt. Der Anteil der der Drogenabhängigen liege in der von ihm betreuten JVA Hannover einschließlich der Alkoholkranken bei rund 70 Prozent - in anderen Gefängnissen sei der Trend ähnlich. „Wir merken immer mehr, dass wir es mit zerstörten Persönlichkeiten zu tun haben.“

So werde die Beschaffungskriminalität zu einem großen Problem. „Sie leben nur noch für Drogen und mit Drogen.“ Soziale Kontakte nach draußen seien selten, Anknüpfungspunkte für ein bürgerliches Leben gebe es kaum. „Ohne die Strukturen des Knastes kommen viele gar nicht mehr klar.“

Als Gefängnis-Seelsorger sei „sehr viel Zuhören und sehr viel Geduld“ gefragt. Er mache Angebote, bei denen die Häftlinge ihre „andere Seite“ und ihre Kreativität entdecken könnten, sagte Tietze. Sie sollten merken: „Du bist noch jemand anderes als dieser Drogenabhängige.“ Dazu diene etwa eine Gitarren- oder Theatergruppe oder der Kirchenchor, der regelmäßig die Anstaltsgottesdienste mitgestalte.

In dem Buch schildern sieben Seelsorger ihre Arbeit mit Gefangenen, auch im Jugendvollzug, in der Abschiebehaft oder im Frauengefängnis. Zudem berichtet eine Mutter, deren Sohn straffällig wurde, von ihren Erfahrungen. Auch die Situation der Vollzugsbeamten wird beleuchtet.

epd

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