2012_03_06

Bild: Dieter Sell / epd

Konkurrenten, Sparringspartner, Liebende

Tagesthema 06. März 2012

In Worphausen bei Bremen beschäftigt sich eine ganze Bücherei nur mit Geschwistern

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Christian Rohdenburg (16) stöbert in der Geschwisterbücherei in Worphausen bei Bremen. Bild: Dieter Sell

Liebe, Hass, Mord und Totschlag. Wenn es um Geschwister geht, dann geht es um große Gefühle. Dafür steht mit Kain und Abel der erste Brudermord der biblischen Geschichte. Dafür stehen auch Thomas und Heinrich Mann, geniale Literaten, die sich spinnefeind waren. Oder Aschenputtel und ihre bösen Stiefschwestern. Diese und tausend andere Geschichten bietet eine Bibliothek, wie es sie in Deutschland kein zweites Mal gibt: Die Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide (63) hat in Worphausen bei Bremen eine „Geschwisterbücherei“ gegründet.

Tausende Titel umfasst die seit 2009 bestehende Bibliothek mit Werken, die größtenteils aus Winkelheides persönlichem Besitz stammen. Die Bücherei hat sie nach dem polnischen Arzt, Kinderbuchautor und Pädagogen Janusz Korczak (1878-1942) benannt, der für sie leuchtendes Vorbild ist. Gesammelt hat sie Bilder- und Ratebücher, Märchen, Romane und Erzählungen, Biografien und natürlich Sachliteratur. Im Mittelpunkt immer Geschwister, einige hundert Regalmeter lang. Gerade wird der Bestand für einen Online-Katalog digitalisiert. Finanziert wird die Bibliothek von privaten Spenden und Stiftungsgeldern.

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Max Pagel (14, re.) und Christian Rohdenburg (16) am 08.01.2012 in der Geschwisterbücherei in Worphausen bei Bremen beim schmökern. Die Bücherei wurde nach dem polnischen Arzt, Kinderbuchautoren und Pädagogen Janusz Korczak benannt (Figur li.). Bild: Dieter Sell

„Ein besonderer Schwerpunkt sind Kinder- und Jugendbücher, die sich mit sozialen Fragen befassen“, sagt Winkelheide, die seit 30 Jahren in Seminaren mit den Geschwistern behinderter Kinder arbeitet. „Das ist unser Ort“, schwärmt deshalb auch der Bremer Christian Rohdenburg, dessen Schwester Constanze behindert ist. Der 16-Jährige ist Stammgast in dem Haus, das längst mehr ist als eine Bücherei. Es hat sich zum Zentrum für die Geschwisterarbeit entwickelt.

Rohdenburg kommt also, um andere Geschwister zu treffen und natürlich, um zu schmökern. In den Regalen warten Geschichten, in denen es auch um typische Geschwisterklischees geht: um die hinterhältige Petze, das verhätschelte Nesthäkchen, die pflichtbewusste große Schwester, das leidende Sandwichkind.

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Die Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide hat die Geschwisterbücherei gegründet. Tausende Titel umfasst die seit 2009 bestehende Bibliothek mit Büchern, die größtenteils aus Winkelheides persönlichem Besitz stammen. Bild: Dieter Sell

Geschwister sind Sparringspartner, so viel steht fest. Im Streit und in der Versöhnung versuchen sie sich an den sozialen Leitplanken der Gesellschaft. „Ihre Beziehung ist eine Spielwiese, auf der unzählige soziale Kompetenzen erworben werden“, sagt der Münchner Entwicklungspsychologe, Frühpädagoge und Familienforscher Hartmut Kasten, dessen Werke natürlich auch in der Bibliothek vertreten sind.

Doch das Übungsfeld wird kleiner, die Spezies der Geschwister seltener. Viele Paare hätten gar keine Kinder mehr, sagt Kasten. Und unter den Familien mit Kindern hätten 51,5 Prozent nur einen Sohn oder eine Tochter.

Steuern wir also auf eine Welt verzogener Individualisten zu? Die das Pech-und-Schwefel-Gefühl solidarischer Geschwister gegenüber den Eltern nie kennengelernt haben? Keine Panik, rät der 66-jährige Experte Kasten, der in seiner beruflichen Laufbahn etliche Geschwisterbeziehungen analysiert hat. Einrichtungen wie Kindergärten seien als soziales Übungsfeld längst wichtiger. Ohnehin gebe es typische Charaktereigenschaften von Einzelkindern „so gut wie gar nicht“.

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Wenn es um Geschwister geht, dann geht es um große Gefühle. Dafür steht mit Kain und Abel der erste Brudermord der biblischen Geschichte. Dafür stehen auch Thomas und Heinrich Mann, geniale Literaten, die sich spinnefeind waren. Oder Aschenputtel und ihre bösen Stiefschwestern. Bild: Dieter Sell

Tatsache ist allerdings, dass Einzelkinder anders aufwachsen. Sie müssen oder können nichts oder nur wenig teilen, das gilt für Spielsachen genauso wie für Kummer oder Freude. Geschwister müssen sich dagegen früh in Verzicht üben, besonders, wenn es Geschwister behinderter Kinder sind. „Ein behindertes Kind in der Familie braucht besondere Zuwendung“, sagt Kasten.

Christian Rohdenburg kennt das. „Es gab deutlich weniger Aufmerksamkeit, das war belastend“, erinnert er sich an vergangene Jahre. Sein Freund Max Pagel (14), der einen behinderten Bruder hat, ist in dieser Situation still geworden, hat lange Zeit kaum etwas gesagt. Das ist mittlerweile besser, auch durch die Seminare von Marlies Winkelheide und die Bücherei, zu der zwei Handpuppen gehören: ein böser und ein guter Drache. Mit ihnen kann Max einen Streit inszenieren, wie er manchmal auch in seinem Innersten rumort: Sag ich was - oder sag ich nichts?

„Das Besondere an der Geschwisterbeziehung ist das Schicksalhafte“, urteilt Entwicklungspsychologe Kasten. Geschwister könne man sich eben nicht aussuchen, Beziehungen zu einem Bruder oder einer Schwester nicht beenden wie etwa eine Freundschaft. Sie seien aber ein hohes Gut und müssten gehegt und gepflegt werden. Mit der Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei in Worphausen hat Marlies Winkelheide einen Ort geschaffen, an dem genau das geschehen soll.

Von Dieter Sell (epd)

„Sie sind frei, Dr. Korczak“

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Janusz Korczak

Janusz Korczak wurde unter dem Namen Henryk Goldszmit am 22. Juli 1878 oder 1879 in Warschau geboren. Wann genau er gestorben ist, ist ebenso unbekannt, irgendwann nach dem 5. August 1942 vermutlich im Vernichtungslager Treblinka. Er war ein polnischer Arzt, Kinderbuchautor und bedeutender Pädagoge. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Einsatz für Kinder, denen er - anders als andere pädagogische Konzepte seiner Zeit, mit besonderer Achtung begegnete. So forderte er in einem seiner Bücher: Achtung der Unwissenheit des Kindes, Achtung der Wissbegierde des Kindes, Achtung der Misserfolge und Tränen des Kindes, Achtung des Eigentums des Kindes sowie das Recht des Kindes so zu sein, wie es ist.

Im Jahr 1911 bekam er angeboten, das jüdische Waisenhaus in Warschau wieder aufzubauen. Dafür gab Janusz Korczak seine Tätigkeit als Kinderarzt auf. Das Waisenhaus wurde sein Lebensinhalt. Getragen von der jüdischen Gesellschaft Hilfe für die Waisen nahm es jüdische Kinder bis zum Alter von 14 Jahren auf. In dem Waisenhaus hatte er den pädagogischen Spielraum, um seine auf prinzipiellen Kinderrechten fußenden Ideen umzusetzen und nach neuen Wegen zu suchen, beispielsweise bei der Umsetzung eines Kinderrepublik-Modells.

Als die Nazitruppen in Warschau einfielen und ihren offenen Antisemitismus lebten, musste auch das Waisenhaus in das Gebiet des Waschauer Ghettos, das einzige Viertel, in dem Juden lebten durften, verlegt werden. Das Gebäude lag ursprünglich knapp außerhalb des vorgegebenen Stadtviertels. Trotz der unsäglichen Bedingungen im Ghetto fand Korczak in den letzten Monaten noch die Energie zu schriftlichen Notizen.

Im August 1942 wurden im Rahmen der Aktionen zur so genannten „Endlösung der Judenfrage“ die etwa 200 Kinder des Waisenhauses von der SS zum Abtransport in das Vernichtungslager Treblinka abgeholt. Obwohl Korczak wusste, dass dies den Tod bedeutete, wollte er die Kinder nicht im Stich lassen und bestand darauf, mitzufahren.

Eindrücklich wurde diese Situation in den 70er Jahren verfilmt:  „Sie sind frei, Dr. Korczak“ soll - so der Film des polnischen Regisseur Aleksander Ford - das Angebot der deutschen Unterdrücker noch an der Rampe des Zuges nach Treblinka gewesen sein. Doch Korczak blieb bei den Kindern. Der polnisch-jüdische Pianist Władysław Szpilman, der Zeuge des Abtransports war, beschreibt die Szene in seinen Memoiren nicht so damatisch, aber doch mit einem eindrücklichen Bild: „Für jenen Morgen war die ‚Evakuierung‘ des jüdischen Waisenhauses, dessen Leiter Janusz Korczak war, befohlen worden; er selbst hatte die Möglichkeit, sich zu retten, und nur mit Mühe brachte er die Deutschen dazu, daß sie ihm erlaubten, die Kinder zu begleiten. Lange Jahre seines Lebens hatte er mit Kindern verbracht und auch jetzt, auf dem letzten Weg, wollte er sie nicht allein lassen.“