Rosenstraße 76

Tagesthema 05. März 2012

Kirche warnt mit Ausstellung vor häuslicher Gewalt

In der Rosenstraße 76. Bild: Jens Schulze  

Mit einer landesweiten Ausstellung will die hannoversche Landeskirche das Thema häusliche Gewalt stärker in den Blickpunkt rücken. „Je näher Menschen einander kommen, etwa in Liebe und Partnerschaft, umso gefährlicher kann die Dynamik sein, wenn Liebe in Gewalt umschlägt“, sagte der evangelische Landesbischof Ralf Meister am Montag in Hannover. Die interaktive Ausstellung „Rosenstraße 76“ ist vom 29. Februar bis zum 18. März im Pavillon am Raschplatz in Hannover zu sehen. Im Herbst öffnet sie in Hildesheim, Emden, Osterode und Buchholz in der Nordheide.

Die Wanderausstellung zeigt eine nachgebaute Vierzimmer-Wohnung, in der häusliche Gewalt beispielhaft deutlich wird. Die Besucher sind aufgefordert, Türe und Schränke zu öffnen oder technische Geräte zu bedienen. Hinter einer scheinbar schönen Fassade entdecken sie dort Hinweise auf Gewalt, etwa einen Anrufbeantworter mit Drohungen. Für die Ausstellungsorte in Niedersachsen hat die Landeskirche die Ausstellung um ein Themenzimmer zur Gewalt in der Pflege erweitert.

In der Rosenstraße 76. Bild: Jens Schulze  

Der größte Teil der häuslichen Gewalt sei Gewalt gegen Frauen, sagte die Kriminalhauptkommissarin Monika Taut aus Hannover. Aber auch Kinder und alte, pflegebedürftige Menschen gehörten zu den Opfern. Die Täter seien meist Männer. Sie handelten oft aus einem mangelnden Selbstwertgefühl heraus oder hätten früher eigene Gewalterfahrungen gemacht. Manche Männer meinten, Konflikte nicht anders lösen zu können als durch Gewalt.

Oft gehe der Gewalt in der Partnerschaft eine lange Geschichte psychischer Gewalt voraus, sagte die Sozialpsychologin Petra Klecina vom Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen in Hannover. Frauen würden über Jahre hinweg eingeschüchtert, gedemütigt, finanziell knapp gehalten und von Freunden isoliert. „Es geht auch immer um Macht und Kontrolle.“ Die Kirche habe eine besondere Verantwortung für die Opfer häuslicher Gewalt, betonte Bischof Meister: „In unseren Kindertagesstätten bekommen die Erzieherinnen die Situation in den Familien ganz aus der Nähe mit.“
 

epd

Hannoversche Landeskirche fordert Unterstützung für Opfer häuslicher Gewalt

In der Rosenstrasse 76. Bild: Jens Schulze

Die hannoversche Landeskirche setzt sich dafür ein, Opfern von häuslicher Gewalt beizustehen. „Es ist an uns hinzuhören, mitzugehen und gemeinsam gegen Unrecht aufzustehen“, hieß es in einer Predigt von Landesbischof Ralf Meister, die am Sonntag in einem Rundfunkgottesdienst in der Marktkirche Hannover verlesen wurde. Der Gottesdienst begleitete die landesweite Ausstellung „Rosenstraße 76“, mit der die evangelische Landeskirche das Thema häusliche Gewalt stärker in den Blickpunkt rücken will.

Die Feier wurde mit Mitarbeitenden aus Beratungsstellen gestaltet. „Auch in der Familie finden sich all die Merkmale, die Auslöser von Gewalt sein können - auch bei uns, direkt in der Nachbarschaft. Überforderung, Eifersucht, Macht und Neid“, hieß es im Predigttext des Bischofs, der verlesen wurde, weil Meister kurzfristig erkrankt war. „Man kann Gewalt verbieten, aber Einfühlung kann man nicht verordnen.“ Umso wichtiger sei die Arbeit der Einrichtungen, die zum Beispiel Frauen, Kinder und Pflegebedürftige unterstützten, denen Gewalt angetan worden sei. „Überwunden wird Gewalt aber nur, wenn es ein Verständnis, ein Einfühlen für den anderen gibt.“

In der Rosenstraße 76. Bild: Jens Schulze

Die interaktive Ausstellung „Rosenstraße 76“ ist noch bis zum 18. März im Pavillon am Raschplatz in Hannover zu sehen. Im Herbst öffnet sie in Hildesheim, Emden, Osterode und Buchholz in der Nordheide. Die Wanderausstellung zeigt eine nachgebaute Vierzimmer-Wohnung, in der häusliche Gewalt beispielhaft deutlich wird.

Besucher sind aufgefordert, Türen und Schränke zu öffnen oder technische Geräte zu bedienen. Hinter einer scheinbar heilen Fassade entdecken sie dort Hinweise auf Gewalt, etwa einen Anrufbeantworter mit Drohungen. Für die Ausstellungsorte in Niedersachsen hat die Landeskirche die Ausstellung um ein Themenzimmer zur Gewalt in der Pflege erweitert. Die Schau war ursprünglich für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 2005 in Hannover entwickelt worden.

epd

Landesbischof Ralf Meister zur Ausstellung „Rosenstraße 76“

In der Rubrik „Meine Meinung“ der Evangelischen Zeitung schreibt Ralf Meister:

Rosenstraße 76

Eine Vierzimmerwohnung erzählt die Geschichte einer Familie. Blumenstöcke vor der Tür. Ein Willkommen auf der Fußmatte. Und hinter der Tür: Lebensspuren, erschütternd alltäglich, wenn die Statistiken stimmen. Ein Anrufbeantworter bewahrt die Demütigung durch den Partner. Die Küche lässt auf einen erhöhten Alkoholkonsum schließen. Das Schlafzimmer zeugt von dem, was nicht freiwillig geschehen ist. Ein Krankenzimmer erzählt von den Qualen, die eine häusliche Pflege mit sich bringen kann.
Spuren, die untermalen, was der Neuropsychologe Thomas Elbert 2011 nüchtern und drastisch festgestellt hat: „Die Untersuchungen steinzeitlicher Kulturen zeigen, dass die Hälfte aller Männer erschlagen worden ist. Und von unserer genetischen Zusammensetzung sind wir nicht großartig anders als der Steinzeitmensch.“ Er ist überzeugt, dass der Mensch darauf ausgelegt ist, Gewalt auszuüben. Gewalt, die erschreckend oft in vertrauten Räumen, in vertrauten Sozialgruppen geschieht. Die Bibel scheint diese Beobachtung zu bestätigen: Ganz am Anfang steht ein Brudermord. Kain erschlägt Abel. Viele weitere Erzählungen folgen, in denen Menschen in ihren Familien vergewaltigen, foltern, bedrohen, ermorden. Auch das Ende Jesu ist eine Gewaltgeschichte, beginnend mit dem Verrat im Freundeskreis. Ein Spiegel der Realität.
Und doch nicht das letzte Wort in Gottes Geschichte mit uns. Passion und Ostern mahnen, nicht der Gewalt das Feld zu überlassen, sondern Zeugen des Lebens zu sein: Hinzuschauen, da zu sein in den Stunden der Verlassenheit. Weil nicht der Mensch dem Menschen ein Wolf sein soll, sondern Gott eine Spur in unsere Herzen gelegt hat: das Wissen um die Ebenbildlichkeit und die Unversehrbarkeit des Menschen. „Wisst ihr nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid?“. Ein heiliger Ort, von dem alles Rohe, Achtlose, Gewaltsame ferngehalten werden muss. Jeden Tag.

Evangelische Zeitung vom 4. März 2012