Ehrenamt
27. Februar 2012

Tagesthema

Kreuzweg der Schöpfung

Das Seufzen der Schöpfung

Das Kreuz wird an einer der größten Hähnchenschlachtanlagen Europas vorbei getragen. Bild: Jens Schulze

Als einen „Weg der Klage, nicht der Anklage“ will der hannoversche Landesbischof Ralf Meister den ökumenischen „Kreuzweg der Schöpfung“ betrachtet wissen, der in diesen Wochen zu vier politisch unstittenen Standorten in Niedersachsen führt. Am Sonntag machte der kleine Ort Wietze im Landkreis Celle den Auftakt. Dort ist eine der größten Hähnchenschlachtanlagen Europas entstanden. Meister betonte in der abschließenden Andacht in der katholische Maria-Hilf-Kirche die Mitgeschöpflichkeit der Tiere. „Das Kreuz bringt das Seufzen der ganzen Schöpfung zur Geltung.“ Gleichzeitig warnte der Bischof davor, das „Leiden Christi mit einem politischen Anliegen zu verbinden.“

Kreuzweg. Bild: Jens Schulze

Meister forderte zu einer „Entgrenzung“ auf: Der Bund Gottes sei nicht exklusiv für Menschen, sondern schließe auch die Tiere ein. Auch sie fänden in Gottes Handeln ihre Rettung. Nötig sei aber auch eine Begrenzung, eine Mäßigung. Dies sei nicht zuerst eine Frage des Marktes oder der Unternehmen, sondern jeder Einzelne müsse sich die Frage stellen, „was wir uns, was wir Gott und was wir den Mitgeschöpfen schuldig sind.“ Es gebe allerdings keine eindeutigen ethische oder theologischen Hinweise für ein vegetarisches Leben oder ab welcher Größenordnung der Nutztierhaltung oder des Fleischkonsums die „Mitgeschöpflichkeit“ der Tiere missachtet werde.

Der katholische Generalvikar Werner Schreer rief die Tradition der Kreuzwege in Erinnerung. Christen sollten darin ihr eigenes Leid, aber auch ihre Schuld sehen. „Wir schauen auf die Leiden der Schöpfung und was wir ihr antun.“ Schreer erinnerte daran, dass zum Kreuzweg auch die Umkehr gehöre. Jeder müsse sich die Frage stellen, welche die richtigen Schritte dazu seien.

Ein Blick über den Zaun. Bild: Jens Schulze

Zu Beginn des Kreuzwegs hatte Jürgen Selke-Witzel, der Diözesanreferent für Umweltschutz und Nachhaltigkeit, den Kreuzweg begründet. „Die Themen haben wir uns nicht ausgesucht, sie sind uns von Gott vor die Tür gelegt worden“, sagte Selke-Witzel vor den Toren der riesigen Schlachtfabrik. 20.000 Hähnen pro Stunde, bis zu 70 Millionen im Jahr, könnten hier geschlachtet werden. „Und nur das Brustfleisch bleibt in Deutschland. Der Rest überflutet die Märkte in Afrika und entzieht dort den Kleinbauern die Lebensgrundlage.“ Das Hähnchen werde hier nicht mehr als Geschöpf wahrgenommen, sondern als Rohstoff.

Selke-Witzel hatte das Holz für das 4,50 Meter und 2,50 Meter breite Kreuz ausgesucht. „Rund 60 Jahre wuchs die Lärche auf einem Grundstück direkt über dem Atommülllager in der Asse“, erklärte er den etwa 250 Teilnehmern des Kreuzwegs. Dann befestigte er mit Klaus-Dieter Paschek zwei Tontafeln an dem Querbalken des Kreuzes, auf denen der Ortsname „Wietze“ zu lesen ist. Dann schulterten Bischof Meister, Generalvikar Schreer, Selke-Witzel und Isam Saleh aus Wietze das Kreuz, um es auf den drei Kilometer langen Weg zu bringen. An mehreren Stationen wurde für ein Gebet Halt gemacht.

Ökumenischesd gebet für die Mitgeschöpfe. Bild: Jens Schulze

Das sägerauhe Holzkreuz soll an den kommenden Wochenenden zunächst an der Asse getragen werden. Treffpunkt ist um 15 Uhr die evangelische Kirche in Remlingen; hier predigt der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle. Der Weg führt dann zum Atommüllager Asse II. Am Sonntag, 11. März, beginnt der Kreuzweg um 17 Uhr an der katholischen St.-Bernward-Kirche in Salzgitter-Tiede. Hier spricht die Bundestagsabgeordnete Maria Flachsbarth, Mitglied des Umweltausschusses. Der Weg führt zum Schacht Konrad. Anschließend soll es eine Lichterkette von Braunschweig über Asse/Wolfenbüttel bis zum Schacht Konrad/ Salzgitter geben. Damit soll auch an die Reaktorkatastrophe von Fukushima vor genau einem Jahr erinnert werden.

Letzte Station des Kreuzwegs ist schließlich am Sonntag, 18. März, Gorleben. Um 12 Uhr ist Treffpunkt am Verladekran für Castorbehälter in Dannenberg. Der Weg führt dann zur katholischen Kirche St. Peter und Paul. Die Predigt hält hier die EKD-Synodenpräsidentin Katrin Göring-Eckhardt. Anschließend geht es zum Erkundungsbergwerk Gorleben zu einem gemeinsamen Gebet um 14 Uhr. Das Lärchen-Kreuz soll in Gorleben dauerhaft aufgestellt werden.
In Wietze verdeutlichte der katholische Pfarrer Günther Birken aus Bergen, dass nicht erst beim Schlachten die Mitgeschöpflichkeit der Tiere gefährdet sei. Er hatte 22 Stoffküken auf einer etwa postkartengroßen Palette aufgestellt, dicht an dicht. Für Hähnchen in typischen Großställen sei das die Normalität: 22 Tiere auf einen Quadratmeter. Er erinnerte an die gerade begonnene Fastenzeit. Sie könne auch bedeuten, künftig weniger und besser erzeugtes Fleisch zu konsumieren.

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Bericht über die Tagung der Synode

Wichtiges notieren - der Stift bleibt beim Bericht des Landesbischofs in Bereitschaft

Der Evangelische Kirchenfunk Niedersachsen (ekn) berichtet über die Tagung der Landessynode, bei der auch über die Nutztierhaltung beraten und beschlossen wurde: Verantwortung für die Mitgeschöpfe.

 

Christen müssen Zeichen für verantwortliches Handeln setzen

Ein "Weg der Klage, nicht der Anklage" soll der ökumenischen "Kreuzweg der Schöpfung" sein. Bild: Jens Schulze

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister eröffnet an diesem Sonntag mit einem Gottesdienst in Wietze bei Celle einen ökumenischen „Kreuzweg der Schöpfung“. Evangelische und katholische Christen in Niedersachsen wollten damit zum Nachdenken über die Massentierhaltung und die Atommülllagerung anregen, sagte Meister. Erste Station ist der Geflügelschlachthof Wietze bei Celle. Es folgen Andachten am Atommülllager Schacht Konrad in Salzgitter und Asse bei Wolfenbüttel sowie an den Atomanlagen in Gorleben.

epd: Was verbindet die Orte Wietze, Gorleben, Schacht Konrad und Asse?

Meister: Diese Orte symbolisieren Grenzüberschreitungen unseres Konsums. Wir essen zu viel Fleisch, wir verbrauchen zu viel Energie. Wir haben es auf die Spitze getrieben: immer mehr, immer billiger und das alles, ohne genügend an die Folgen zu denken.

epd: Was ist das Besondere an diesem Kreuzweg?

Meister: Es ist ein ökumenischer Kreuzweg, der unterschiedliche Orte aufsucht, an denen das Leiden der Schöpfung sichtbar wird. Katholiken und Protestanten sind sich darin einig, dass wir Zeichen für verantwortliches Handeln setzen müssen.

epd: Wie sähe Ihr persönlicher Kreuzweg aus?

Meister: Das sind Momente und Situationen in meinem Leben, in denen mir bewusst wird: Stopp, so geht es nicht weiter. Das fügt sich ein in den Aufruf bei dem Evangelisten Markus im Neuen Testament der Bibel: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“

epd-Gespräch: Charlotte Morgenthal

Kirchen starten „Kreuzweg“ an Geflügelschlachthof

Ökologischer Kreuzweg. Bild: Jens Schulze

An der umstrittenen Hähnchenschlachtanlage in Wietze bei Celle haben die Kirchen am Sonntag einen ökumenischen „Kreuzweg der Schöpfung“ gestartet. Zum Auftakt rief der evangelische Landesbischof Ralf Meister aus Hannover zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Tieren auf. „Wir haben uns angewöhnt, die Geschichte Gottes mit dieser Erde zuerst und ausschließlich als eine Geschichte Gottes allein mit den Menschen zu lesen", sagte er in seiner Predigt in der katholischen Kirche von Wietze. „Wir haben darin eine große Vergessenheit entwickelt.“

In der biblischen Schöpfungsgeschichte sei ausdrücklich von der Erschaffung der Tiere die Rede. Auch die Geschichte von der Arche Noah schildere ausführlich die Rettung der Tiere. Sie gehörten als Mitgeschöpfe zu Gottes Bund mit den Menschen. Meister forderte deshalb eine „Ethik der Selbstbegrenzung“. Es gebe jedoch keine eindeutige ethische oder theologische Position, ab welcher Größenordnung die Nutztierhaltung die „Mitgeschöpflichkeit“ der Tiere missachte.

Zu Beginn des Kreuzwegs waren evangelische und katholische Christen in einer Prozession mit einem rund zwei Meter großen Holzkreuz von Europa größtem Geflügelschlachthof zur Kirche „St. Maria Hilfe“ gezogen. In Wietze sollen jährlich bis zu 130 Millionen Tiere geschlachtet werden.

Weitere Stationen des ökumenischen Kreuzwegs sind an den nächsten Sonntagen die Atommüll-Lager Asse bei Wolfenbüttel und Schacht Konrad in Salzgitter sowie die Atomanlagen in Gorleben. „Diese Orte symbolisieren Grenzüberschreitungen unseres Konsums“, sagte Meister dem epd: „Wir essen zu viel Fleisch, wir verbrauchen zu viel Energie. Wir haben es auf die Spitze getrieben: immer mehr, immer billiger und das alles, ohne genügend an die Folgen zu denken.“

Redner an den anderen Stationen sind der Hildesheimer katholische Bischof Norbert Trelle, Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) und die Kirchenbeauftragte von CDU/CSU im Bundestag, Maria Flachsbarth. Am 11. März ist der Kreuzweg am Schacht Konrad verbunden mit einer Lichterkette zum Jahrestag des Reaktor-Unglücks von Fukushima. Der „Kreuzweg der Schöpfung“ wird bereits zum dritten Mal von der katholischen Kirche in der Fastenzeit initiiert.

epd