25. Januar 2012

Nachricht

Über Schicksale stolpern

27. Januar: Holocaust-Gedenktag

Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamiert und auf den 27. Januar festgelegt. An diesem Tag war 1945 das Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden.

Die Vereinten Nationen riefen 2005 den 27. Januar als „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ (International Day of Commemoration to honour the victims of the Holocaust) aus. Seit 2006 wird er weltweit begangen. Der Bundestag kommt an diesem Gedenktag alljährlich zu einem Staatsakt zusammen, an dem alle Spitzen der Verfassungsorgane teilnehmen, aber auch in vielen Kirchengemeinden, an Gedenkstätten und in Kommunen wird an diesem Tag der Opfer des Holocausts gedacht.

epd/red

26 Kilo – Zeitzeugen wie der Russe Dmitri Lomonossow verdeutlichen die Unmenschlichkeit des NS-Regimes

Der ehemalige sowjetische Kriegsgefangene Dmitri Lomonossow (85) ist zum 65. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Sandbostel, erstmals wieder von Moskau aus nach Sandbostel gekommen. (im Gespräch mit Andreas Ehresmann (45), dem Leiter der Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel). Bild: Dieter Sell

Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die aus eigenem Zeugnis heraus den Terror des NS-Regimes beschreiben können. Sie alle sind schon sehr alt. So wie der 87-jährige Russe Dmitri Lomonossow, der von den Nazis fast in den Tod getrieben wurde.

Mit ernstem Gesicht schaut sich Dmitri Lomonossow bei einem Besuch auf dem Gelände des ehemaligen NS-Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers im niedersächsischen Sandbostel um. Vor 67 Jahren brachten ihn die Nazis in diese damals unwirtliche und fast baumlose Moorgegend mitten in der norddeutschen Tiefebene bei Bremen. „Ich war fast tot und wog 26 Kilo, als ich hier ankam“, erinnert sich der heute 87-Jährige. Er gehört zu den Überlebenden des Lagers, das am 29. April 1945 von britischen Soldaten befreit wurde.

Seine Mahnung, den Frieden zu bewahren, spielt nicht nur am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, eine Rolle. Im Internet und in vielen Gesprächen mit Jugendlichen erinnert Lomonossow das ganze Jahr über unermüdlich an Sandbostel, das zu den größten Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht zählte. Es wurde 1939 von polnischen Kriegsgefangenen für 15.000 Menschen gebaut. Doch zeitweise waren hier mehr als 70.000 Gefangene gleichzeitig eingepfercht.

„Zwischen 1939 und 1945 waren etwa 600.000 Menschen aus mehr als 70 Nationen interniert“, sagt Andreas Ehresmann, Leiter der Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel. Heute ist das ehemalige „Stalag X-B“ ein Ort der Erinnerung: 25 Gebäude sind noch erhalten und bilden ein bundesweit einzigartiges Ensemble historischer Bauten aus der Kriegszeit. Elf davon gehören der Stiftung Lager Sandbostel. Zusammen mit alten Bildern und Dokumenten vermitteln sie eine beklemmende Ahnung davon, was hier geschehen ist.

Den britischen Soldaten bot sich auf dem 35 Hektar großen Areal ein Bild des Grauens. Sie trafen etwa 14.000 Kriegsgefangene und rund 7.000 KZ-Häftlinge an. Zahlreiche unbestattete Leichen lagen auf dem Gelände. Schätzungsweise bis zu 50.000 Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge wurden hier ermordet oder starben an Seuchen, Durst und Hunger. Die Befreier verglichen Sandbostel mit dem Konzentrationslager Bergen-Belsen. Noch kurz vor dem 29. April 1945 trafen 10.000 KZ-Häftlinge aus Neuengamme in Sandbostel ein. Auf diesem Todesmarsch und im Lager kamen etwa 3.000 von ihnen ums Leben.

Der ehemalige sowjetische Kriegsgefangene Dmitri Lomonossow (85). Bild: Dieter Sell / epd

Die Nazis hatten in Sandbostel eine perfide Hierarchie eingerichtet. Amerikaner und Briten waren die Spitze. Ganz am Ende standen Polen, Italiener und schließlich die sowjetischen Gefangenen, Männer wie Dmitri Lomonossow. Während die einen nach den Genfer Konventionen behandelt wurden, malen durften und Jazz spielten, verweigerte man den anderen alles. Die Sowjets wurden in einer Flecktyphus-Baracke ohne Hilfe ihrem Schicksal überlassen, mussten die Drecksarbeit leisten und bekamen „Russenbrot“ aus Laub, Sägespänen und wenig Mehl.

Hass empfindet Lomonossow trotzdem nicht. „Es klingt komisch. Aber mein Verhältnis zu den Deutschen war immer gut“, sagt der Mann, der in Sandbostel von ukrainischen Wachposten misshandelt und bei seiner Heimkehr noch viele Jahre weiter diskriminiert wurde. Denn unter Stalin galten die Kriegsgefangenen als Verräter.

Was die Russen erlitten, lässt auch das Tagebuch von Elfie Walther erahnen, die als 16-jähriges deutsches Mädchen nach der Befreiung im Lager arbeiten musste: „Es ist grausam in den Typhus-Baracken. Mir fehlen die richtigen Worte, um all das Elend zu beschreiben. Skelette liegen dort, die aus ihren dreckigen Lagern, von oben bis unten mit Kot beschmiert, mit riesigen Augen auf uns starren. Ein Gestank. Überall Kot und Urinlachen. Wie schäme ich mich in diesem Augenblick, Deutsche zu sein.“

Nach der Befreiung wurden hier SS- und NS-Angehörige sowie Mitglieder von KZ-Wachmannschaften inhaftiert. Ab 1948 war Sandbostel ein Zuchthaus, dann ein Auffanglager für jugendliche DDR-Flüchtlinge später Bundeswehrgelände und Gewerbegebiet. Über Jahrzehnte wurde um eine Gedenkstätte gestritten. Nun geht es voran. Bund, Land, Landkreis und die Reemtsma-Stiftung investieren 1,4 Millionen Euro, um Baracken vor dem Verfall zu bewahren. Lomonossow findet das wichtig - nicht nur, um die Erinnerung wachzuhalten: „Auf diesem Boden schwebte ich zwischen Leben und Tod. Dieser Ort hat für mich große Bedeutung.“
 

Von Dieter Sell (epd)

Informationen zur Gedenkstätte Sandbostel

Während des Zweiten Weltkrieges zählte das NS-Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager in Sandbostel bei Bremen zu den größten Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht. Auf dem 3,2 Hektar großen Areal der heutigen Dokumentations- und Gedenkstätte arbeitet die 2004 gegründete Stiftung Lager Sandbostel an einem Erinnerungsort. Zu der Stiftung gehören neben dem Land Niedersachsen und dem Landkreis Rotenburg weitere sieben Partner wie die evangelische St.-Lambertigemeinde Selsingen.

Auf dem Gelände der 2004 gegründeten Stiftung gibt es noch elf historische Gebäude des ehemaligen Lagers, in dem zwischen 1939 und 1945 etwa 600.000 Menschen aus mehr als 70 Nationen interniert waren. Bis zu 50.000 Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge wurden ermordet oder starben an Seuchen, Durst und Hunger. Nach der Befreiung am 29. April 1945 wurden hier SS- und NS-Angehörige sowie Mitglieder von KZ-Wachmannschaften inhaftiert.

Später war Sandbostel unter anderem ein Zuchthaus und ein Auffanglager für DDR-Flüchtlinge. Noch heute werden außerhalb der Gedenkstätte im benachbarten Gewerbegebiet „Immenhain“ weitere historische Gebäude kommerziell genutzt. Bund, Land, Landkreis und Reemtsma-Stiftung investieren rund 1,4 Millionen Euro für die Gedenkstätte, unter anderem in eine Dauerausstellung.

epd
 

Stolpersteine für im Holocaust
Ein Beispiel

Stolperstein in Celle. Bild: privat

Stolpersteine vor einer Schule in Hildesheim sollen künftig an 16 im Holocaust ermordete Schüler erinnern. „Diese Steine sind symbolhaft und sollen anregen, über diese Schicksale zu stolpern“, sagte der Hildesheimer Oberbürgermeister Kurt Machens bei einer Gedenkveranstaltung am Montag. Die Steine verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem Goethegymnasium. Die ermordeten Schüler gingen am selben Ort in die damals genannte Höhere Töchterschule, die später staatliche Goetheschule hieß.

Schüler des Goethegymnasiums hatten zuvor die Schicksale der 16 Jugendlichen aufgearbeitet und in einer Broschüre zusammengefasst. Initiator Hartmut Häger vom Kulturbüro der Stadt lobte ihr das Engagement. „Diese Bodendenkmäler sind Lernanstöße.“ Wer stolpert, sei gezwungen, innezuhalten und nachzudenken.

Das Projekt „Stolpersteine“ geht auf den Künstler Demnig zurück, der etwa zehn mal zehn Zentimeter große Steine ins Straßenpflaster einlässt. Sie haben eine gravierte Messingplatte mit Namen, Geburts- und Sterbedatum sowie Todesort von Menschen, die von den Nazis deportiert und ermordet wurden. Seit 1995 hat Demnig den Angaben zufolge über 30.000 Stolpersteine in mehr als 750 Orten in zehn Ländern Europas hinterlassen. Sein Erinnerungs- und Kunstprojekt gilt als weltgrößtes dezentrales Mahnmal.

epd

Informationen über die Aktion „Stolpersteine“

Klage vor dem entweihten Heiligtum (Psalm 74)

Gott, warum verstößest du uns für immer
und bist so zornig über die Schafe deiner Weide?
Gedenke an deine Gemeinde,
die du vorzeiten erworben und dir zum Erbteil erlöst hast,
an den Berg Zion, auf dem du wohnest.
Richte doch deine Schritte zu dem,
was so lange wüste liegt.
Der Feind hat alles verheert im Heiligtum.
Deine Widersacher brüllen in deinem Hause
und stellen ihre Zeichen darin auf.
Hoch sieht man Äxte sich heben
wie im Dickicht des Waldes.
Sie zerschlagen all sein Schnitzwerk
mit Beilen und Hacken.
Sie verbrennen dein Heiligtum,
bis auf den Grund entweihen sie die Wohnung deines Namens.
Sie sprechen in ihrem Herzen:
Lasst uns sie ganz unterdrücken!
Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Lande.
Unsere Zeichen sehen wir nicht,
kein Prophet ist mehr da,
und keiner ist bei uns, der etwas weiß.
Ach, Gott, wie lange soll der Widersacher noch schmähen
und der Feind deinen Namen immerfort lästern?
Warum ziehst du deine Hand zurück?
Nimm deine Rechte aus dem Gewand und mach ein Ende!
Gott ist ja mein König von alters her,
der alle Hilfe tut, die auf Erden geschieht.
Du hast das Meer gespalten durch deine Kraft,
zerschmettert die Köpfe der Drachen im Meer.
Du hast dem Leviatan die Köpfe zerschlagen
und ihn zum Fraß gegeben dem wilden Getier.
Du hast Quellen und Bäche hervorbrechen lassen
und ließest starke Ströme versiegen.
Dein ist der Tag und dein ist die Nacht;
du hast Gestirn und Sonne die Bahn gegeben.
Du hast dem Land seine Grenze gesetzt;
Sommer und Winter hast du gemacht.
So gedenke doch, HERR, wie der Feind schmäht
und ein törichtes Volk deinen Namen lästert.
Gib deine Taube nicht den Tieren preis;
das Leben deiner Elenden vergiss nicht für immer.
Gedenke an den Bund;
denn die dunklen Winkel des Landes sind voll Frevel.
Lass den Geringen nicht beschämt davongehen,
lass die Armen und Elenden rühmen deinen Namen.
Mach dich auf, Gott, und führe deine Sache;
denk an die Schmach, die dir täglich von den Toren widerfährt.
Vergiss nicht das Geschrei deiner Feinde;
das Toben deiner Widersacher wird je länger, je größer.