2012_01_20

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Fürs Älterwerden vorsorgen

Tagesthema 20. Januar 2012

Aufbruch zu einem guten Ende

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Hildegard und Hartmut Radebold plädieren dafür, sich dem Thema "Alter" aktiv zuzuwenden. Bild: Dieter Sell / epd

So viel vorweg: Hildegard und Hartmut Radebold „fallen ihrem eigenen Älterwerden keinesfalls um den Hals“, wie sie selbst sagen. Sie kennen die Ängste um Verluste und Krankheiten, haben sie am eigenen Leib erlitten. Doch der 75-jährige Psychoanalytiker und Alternsforscher und seine Ehefrau (69) sehen auch die Chancen, die ihnen der dritte Lebensabschnitt bietet. „Die fallen uns aber nicht in den Schoß“, sagt die ehemalige Diplom-Bibliothekarin.

An diesem Wochenende leitet sie mit ihrem Mann im niedersächsischen Bad Bederkesa ein Seminar zum Thema. Der Titel ist Programm: Älterwerden will gelernt sein. Dazu haben sich im evangelischen Bildungszentrum nicht sehr viele Interessenten angemeldet. Vorträge, ein zwei Stunden lang, seien immer gut besucht, sagt Radebold. „Aber ein ganzes Wochenende der Frage zu widmen, wie ich zufrieden altern kann, davor schrecken vor allem Männer zurück.“

Dabei ist nach den Erfahrungen des Kasseler Ehepaares, das schon fast 50 Jahre miteinander verheiratet ist, genau das Gegenteil gefragt. Sich Zeit dafür nehmen, aktiv mit dem Thema umgehen, das sei entscheidend, betonen die beiden. „Dann kann es gelingen, das Leben freier von bisherigen Zwängen zu gestalten.“

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Der 75-jährige Psychoanalytiker und Alternsforscher und seine Ehefrau (69) sehen auch die Chancen, die ihnen der dritte Lebensabschnitt bietet. Bild: Dieter Sell

Die Radebolds plädieren dafür, mit Blick auf die Phase nach dem Beruf rechtzeitig eine Art Lebensbilanz zu ziehen, Interessen, Bedürfnisse und Beziehungen zu klären. In einem Ratgeber zum Älterwerden stellen sie dazu vor allem Fragen: Mit wem will ich wie und wo leben? Sexualität - ja oder nein? Welche Ziele habe ich für mein Älterwerden? Wie bleibe ich so lange wie möglich selbstständig? „Wichtig ist, sich diesen Fragen rechtzeitig zu stellen“, betont Hartmut Radebold. „Wer sich mit 60 nicht mit seinem Alter befasst, ist zu spät dran.“

Ein echter Aufbruch also, oft eine Herkulesaufgabe. Schließlich sind die Tage für die meisten über Jahrzehnte in einen festen Ablauf gepresst, von der Schule an, oft schon im Kindergarten. „Nun bin ich 60 und soll ganz selbstständig über mich bestimmen, nachdem das so lange andere getan haben“, sagt der emeritierte Professor für Klinische Psychologie und formuliert damit die Zweifel, die wohl vielen Menschen durch den Kopf gehen. Doch er macht Mut, rät dazu, mit kleinen Schritten anzufangen.

Er selbst hat sich seine Mutter zum Vorbild genommen, die sich erst nach ihrer Pensionierung einer für sie ganz neuen Welt zuwandte, dem Zen-Buddhismus. Es ist nie zu spät, etwas Neues anzufangen, findet Radebold. So ist er mit 67 einer verschütteten Kindheitsphantasie nachgegangen und hat auf der Rügenschen Kleinbahn zwischen Putbus, Binz und Göhren den Ehren-Lokführerschein bestanden. Mitte April beginnt das Paar an der Bürgeruniversität Kassel ein dreisemestriges Geschichtsstudium. „Neugierig bleiben, das ist wichtig“, bekräftigt Hildegard Radebold.

„Und vor allem Beziehungen pflegen und neue knüpfen“, ergänzt ihr Mann. Da mit dem Abschied vom Berufsleben viele Verbindungen endeten, müssten sie bewusst und systematisch aufgebaut werden. Soziale Kontakte, viel Bewegung, Futter für das Hirn: Das sind für die Radebolds die entscheidenden Bausteine, um zufrieden älter werden zu können. Da herrscht bei ihnen genauso Klarheit wie in der Partnerschaft. „Ich würde ihn sofort wieder heiraten“, macht sie ihm im Gespräch ganz spontan eine Liebeserklärung. Und er setzt gleich nach: „Ich auch.“
 

Dieter Sell (epd)

verwurzelter Baum
Bild: Der Gemeindebrief

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