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Palliativmedizin

Tagesthema 14. Dezember 2011

Wenn die Zeit zum Leben begrenzt ist

Palliativmedizin
Palliativmedizin, Bild: Martina Schwager / epd

Palliativmediziner versorgen Sterbenskranke zu Hause

Zu Hause ohne Schmerzen in Frieden sterben - das wünschen sich die meisten Menschen an ihrem Lebensende. Palliativärzte sind dafür besonders ausgebildet. Doch vor allem auf dem Land gibt es viel zu wenige von ihnen.

Wenn der Palliativmediziner Jürgen Wilmsen-Neumann einen Hausbesuch macht, redet er nicht um den heißen Brei herum. Meistens bleibt nicht mehr viel Zeit. Sein Patient Klaus M. ist Ende 50. Er leidet unter einem Bronchial-Karzinom. Die Ärzte im Krankenhaus haben die Therapie beendet. Zu Hause soll er sich erholen, glaubt er. "Wissen Sie, dass der Tumor gewachsen ist?", fragt Wilmsen-Neumann. Leise fügt er hinzu: "Es tut mir leid, aber die Zeit, die uns bleibt, ist verdammt kurz."

Stille. Weinen. "Davor haben alle Angst", sagt Wilmsen-Neumann. "Das muss man aushalten können." Der Mediziner ist Internist am Krankenhaus in Ostercappeln bei Osnabrück. Das Klinikum ist Standort eines von niedersachsenweit rund 40 Palliativstützpunkten. Sie sorgen dafür, dass Menschen, die zu Hause sterben wollen, medizinisch versorgt werden. Sie koordinieren die Arbeit von Kliniken, Hausärzten, Hospizen, Pflegediensten, Apotheken, Seelsorgern und Psychologen.

Seit Mitte 2006 fördert die Landesregierung die Einrichtung dieser Stützpunkte und die Arbeit der in Osnabrück ansässigen Niedersächsischen Koordinierungs- und Beratungsstelle für Hospizarbeit und Palliativversorgung. "Die Zahl der Stützpunkte ist zwar ausreichend", sagt deren Chef Professor Winfried Hardinghaus, Ärztlicher Direktor im Krankenhaus Ostercappeln und Gründer einer der ersten Palliativstationen: "Aber gerade auf dem Land reicht die Zahl der speziell ausgebildeten Ärzte und Pflegekräfte nicht aus."

Die meisten Menschen wünschen sich, zu Hause sterben zu können. 90 Prozent der Menschen, die eine Palliativversorgung benötigen, sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin bei ihrem Hausarzt und einem normalen Pflegedienst in guten Händen. Doch bei Patienten wie Klaus M. jedoch genügt das nicht. "Da geht es um die Frage der künstlichen Ernährung. Seine Atemnot muss behandelt werden. Und er braucht eine hoch dosierte Schmerztherapie", sagt Wilmsen-Neumann.

Seit 2007 haben auch schwer kranke Patienten wie Klaus M. einen Rechtsanspruch auf eine medizinische Sterbebegleitung in häuslicher Umgebung, die sogenannte Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV). Dazu braucht es speziell weitergebildete Hausärzte und Pflegekräfte, die eng zusammenarbeiten.

Weil es im Landkreis Osnabrück noch zu wenige Palliativmediziner gibt, hilft Wilmsen-Neumann häufig aus. Denn die Ausbildung kostet Zeit und Geld. Für 40 Stunden Grundausbildung kommen einschließlich Gebühren und Verdienstausfall leicht mehr als 5.000 Euro zusammen, sagt der Experte. Die erweiterte Ausbildung umfasst sogar 160 Stunden.

Auch die Arbeit mit den Patienten sei in manchen Fällen "wirtschaftlich gesehen eher eine Katastrophe". Die spezialisierte Versorgung wird zwar von den Krankenkassen finanziert. Doch gerade auf dem Land reichten die Mittel oft nicht aus, um die Kosten zu decken.

Einfühlsame Gespräche, das Aushalten von Emotionen und allein die oft langen Anfahrtswege erfordern Zeit. "Und es ist für niemanden leicht, dem Patienten sagen zu müssen, dass es eine Therapie zum Leben nicht mehr gibt, sondern höchstens noch eine, die das Sterben erleichtern kann." Für manchen jedoch ist das auch die Erfüllung des einstigen Traumes vom Arzt- oder Pflegeberuf: "Wo sonst können wir den Menschen noch wirklich nahe kommen?"

Gemeinsam mit Klaus M., dessen Frau und dem Hausarzt hat Wilmsen-Neumann schließlich entschieden, auf die künstliche Ernährung des todkranken Patienten zu verzichten. "Vielleicht hätte sie sein Leben noch ein wenig verlängert. Aber sie hätte auf jeden Fall seinen Körper aufgeschwemmt und die Atemnot noch verstärkt. Und es ging ja nicht mehr darum, dass er wieder auf die Beine kommt." Schmerz-Medikamente hat er verordnet. Die hätten fünf Wochen reichen sollen. Doch so lange hat Klaus M. es nicht mehr geschafft. Fünf Tage später ist er gestorben - zu Hause, im Kreis seiner Familie

Von Martina Schwager (epd)